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„Einen wunderschönen guten Morgen“
Ich blickte auf den Teller vor mir. Ich wusste ganz genau, dass es jetzt an der Zeit war meinen Kopf zu heben und meinem Gegenüber in die Augen zu sehen. Aber ich wollte nicht, nein, ich konnte nicht.
„ah da hat jemand heute keinen so guten Start“
An dem Schatten, den die Person vor mir warf konnte ich erkennen, dass sie auf dem Absatz kehrt machte und ein paar Schritte von mir weg ging. Ich schaute nach oben und sah ihr nach. Sie war jung, Mitte zwanzig, vielleicht auch älter. Ihr langes schwarzes Haar war definitiv gefärbt, unter dem grellen Licht konnte man einen leichten dunkelbraunen Ansatz erkennen. Es war in eine billige silberne Spange gesteckt, aber viele Strähnen hatten sich bereits ihren Weg in die Freiheit zurück erkämpft. Es sah aus als wäre sie schon lange unterwegs gewesen, dabei hatten wir es gerade einmal 7:30 Uhr. Ihre blaue Jeans und das schwarze Shirt machten einen zerknitterten Eindruck, als wäre sie schon lange gesessen. Ihre eigentlich weißen Marken-Sneaker waren verdreckt, vermutlich hatte sie einen Feldweg genommen als sie sich auf den Weg zur Arbeit gemacht hat. Obwohl, das konnte nicht sein, schließlich waren wir in der Stadt. Ich fragte mich, was sie wohl heute schon erlebt hatte.
„Das sind meine Garten Schuhe.“
Ich zuckte zusammen und sah nach oben. Ihre dunklen, fast schon schwarzen Augen funkelten mich an. Sie hatte tiefe dunkle Ringe unter den Augen, ihre Haut wirkte trotz der intensiven Bräunung etwas fahl. Sie sah müde aus, fast schon erschöpft. Ihr Körper schien von der Müdigkeit jedoch nichts mitbekommen zu haben, er wippte auf und ab, sie war schon wieder auf dem Weg zum nächsten Tisch. Dort saß ein weiterer Junge, wahrscheinlich älter als ich. Zumindest war er groß, und zwar so richtig groß. Er saß auf dem gleichen weißen Billigmarken Stuhl, wie ich, nur schien es so als würde er trotz seiner sitzenden Position, locker die 2 Meter Marke knacken. Ich hatte das Gefühl noch kleiner in meinem Stuhl zu werden. Ich betrachtete den Jungen. Er unterhielt sich mit der Frau, sie schien einen Witz gemacht zu haben. Er lachte laut auf und warf seinen Kopf dabei in den Nacken. Sein Lachen erinnerte mich an eine schlechte Süßigkeitenwerbung. Ein scheinbar perfekter Vater sitzt mit seinem perfekten Sohn auf der Couch und während sie sich gegenseitig mit irgendwelchem Süßkram vollstopfen macht das Balg einen vermeintlichen Scherz wodurch der feine Herr Papa mit dem perfekt gestyltem Haar sein gekonnt kunstfreies Lachen hervorbringt. Sogar seine Grübchen passten mit ins Bild. Ich spürte wie ein Gefühl von Neid meine Brust verengte. Dieses perfekte Lachen, die Grübchen und dieses Haar. Wie konnte jemand wie er auch hier gelandet sein? In einem solchen Loch mit fest verglasten Fensterscheiben. Nur schmale Klappfenster gab es um dem sicheren Erstickungstod zu entkommen. So schmal, dass ich nicht mal glaubte mit meiner Hand durch zu passen. Die Griffe so deformiert, dass keiner auch nur die Idee bekommt, ein Seil oder ähnliches daran zu hängen. Oder gar von hier abzuhauen. Das wäre ja das Schlimmste. Wenn man es schafft hier aus einem der Fenster zu steigen, dann hätte es man geschafft. Man steht dann draußen in der Freiheit. Begrenzt auf den Innenhof des Gebäudes, aber hey es wäre mehr draußen als drinnen und der bestialische Gestank wäre auch etwas leichter. Nicht dass ich schon einmal in den Genuss des Privilegs ‚Innenhofausgang‘ gekommen wäre. Gestern hab ich mir doch die zwei Minuten Zeit genommen und meine Nase nach draußen gestreckt. Es roch nach warmer Luft und frischem Asphalt, wobei ich nicht zuordnen konnte woher dieser kam. In Kombination mit dem kleinen Grünstreifen auf welchem ganze 4 Gänseblümchen wuchsen und dem Hochbeet, in welchem nicht weiter definierbare Kräuter vor sich hin vegetierten gab es keine Besonderheiten, welche der Innenhof von sich gab. Trotzdem waren alle ganz scharf auf die Art des Ausgangs. Wahrscheinlich wegen des Rauchens. Die einen durften aufgrund einer Unterschrift ihrer Eltern (die schätzungsweise gefälscht war, welches normale elternähnliche Wesen würde einem 14-jährigen Heranwachsenden freiwillig das Rauchen erlauben?).
Die Anderen rauchten mit, von dem Betreuungspersonal schien das keinen zu stören. Warum denn auch, zum Teil rauchten sie sogar mit. Hier war rechtsfreier Raum. Zumindest scheint das der ein oder andere zu denken.
Ich blickte nach oben. Die Uhr zeigte 7:55 Uhr. Perfekt, dachte ich. Ich sah mich nach der Frau um, sie stand an der Küchenzeile angelehnt und sah einem der Mädchen zu, wie sie die Spülmaschine einräumte. Jetzt oder nie dachte ich. So unauffällig wie möglich nahm ich den Käse vom Teller und steckte ihn in meine Hosentasche. Für eine Sekunde zögerte ich, als ich die zweite Scheibe in meine linke Gesäßtasche schob. Ich kannte das Gefühl. Es war Ekel. Das Gefühl breitete sich in meinem Körper aus. Ich konnte nicht sagen vor was genau es mir so graute, das Gefühl wie der weiche Käse matschig in meiner Tasche wird und sich durch die Zwischenräume meiner Finger drückt oder generell der Gedanke, Essen so nah an meinem Körper zu haben. Vor allem, wenn es so hochkalorisches Essen wie eben Käse ist. Ich schob den Gedanken beiseite, dafür war jetzt keine Zeit. Die Brezel hatte ich bereits zum Großteil in meine Socken gesteckt, einen kleinen Teil habe ich versucht zu essen um den Schein um meinen guten Willen zu wahren. Ich sah mich um, es schien keiner gesehen zu haben. So unauffällig wie möglich ging ich zur schwarzhaarigen und zeigte ihr meinen leeren Teller vor. Sie nickte, drehte sich weg und setzte ihr Gespräch mit dem Spülmaschinenmädchen fort. Sofort breitete sich ein Lächeln in meinem Gesicht aus, ich hatte es geschafft, ich hab sie überlistet. Stolz marschierte ich zur Spülmaschine. Jetzt bloß keinen Verdacht aufkommen lassen, ich versuchte mein Gesicht zu entspannen. Betont lässig stellte ich meinen Teller perfekt ausgerichtet in die Spülmaschine. Das Messer legte ich in die dritte Kerbe auf der linken Seite des Schubs und huschte nach draußen. Ich setzte mich auf die grüne Bank und schnappte mir eine der Zeitschriften auf dem Tisch. Ich blätterte ein bisschen herum und las mir einige Artikel zur aktuellen politischen Lage in Österreich durch. Ich hatte keinen Bezug dazu, es war mir egal. Aber irgendwie musste ich mir die Zeit ja vertreiben. Eine Werbeanzeige erweckte meine Aufmerksamkeit. In großen roten Buchstaben stand „Lebensveränderung in 500 Tagen“. Ich musste schmunzeln, ja klar, 500 Tage und alles ist anders. Musste es ja, welcher Mensch würde sich innerhalb von über 1,5 Jahren nicht irgendwie weiterentwickeln?
„Jacky, kommst du mal bitte!“ Ich zuckte zusammen. Die schwarzhaarige Frau stand vor mir, sie sah genervt aus. Müde und genervt. „Ich muss doch noch sitzen.“ Es war mehr eine Frage als eine Aussage. Ich wusste, dass ich keine Chance hatte. „Du weißt was los ist. Ab ins Uzi!“ Sie wollte sich schon umdrehen, um in Richting des Untersuchungszimmers zu gehen, da stoppte sie. Sie schien rausfinden zu wollen, was ich gerade gelesen hab und sah auf den Werbespruch. Sie sah mir tief in die Augen. So tief, dass ich für eine Sekunde Angst hatte, sie könnte mir in die Seele schauen. „In 500 Tagen bist du entweder ein anderer Mensch, oder du bist tot.“ Ich schnappte nach Luft. Hatte sie das gerade laut gesagt? „Vor allem wenn du dir weiter dein Essen woanders reinstopfst als in dich selbst. Ich mein Käse in der Hosentasche? Das ist ekelhaft.“ Sie grinste mich an. Ich blickte zurück auf die Zeitschrift, die roten Buchstaben schrien mich förmlich an. In 500 Tagen bin ich tot? „Jetzt kommt, machen wir den Dreck aus deinen Taschen und probierens nochmal mit dem Frühstück.“ Sie legte mir ihre Hand auf die Schulter. Ihr spürte förmlich ihre Wärme und wie sie sich in meinem Körper ausbreitete. Ich schlug ihre Hand weg. Sie zuckte. Ich konnte fast ihren enttäuschten Blick fühlen. Schnell richtete ich mich auf, schob mich an ihr vorbei und schlurfte in Richtung des langens Gangs. Ich mochte sie, diese Frau Kurz, und genau deswegen hasste ich sie so sehr.